Der „Standard-Elternteil“
Die Erziehung von Kindern liegt seit jeher überwiegend bei den Frauen. Das wissen wir, und vieles daran ist gesellschaftlich längst selbstverständlich. Gleichzeitig stehen Familien heute unter so vielen Belastungen und Aufgaben, dass es kaum noch realistisch ist, alles allein zu tragen. Manchmal gerät eine Mutter in eine Situation, in der sie ohne echte Entlastung alles macht und für alles zuständig ist. Genau mit diesem Thema beschäftigt sich dieser Artikel.
Was bedeutet der Begriff „Standard-Elternteil“ als Phänomen?
In sozialen Medien hat sich vor allem der Ausdruck „verheiratet, aber alleinerziehend“ verbreitet. Gemeint ist damit eine Situation, in der die Mutter die Last von Kinderbetreuung und vielen weiteren familiären Aufgaben praktisch allein trägt, häufig weil sich der Partner daraus zurückzieht. Der Begriff „Standard-Elternteil“ beschreibt dasselbe Phänomen.
Manchmal zieht sich der Vater nach der Arbeit komplett zurück. Er möchte nach einem anstrengenden Tag erst einmal ausruhen und gönnt sich Entspannung. Manche helfen zwar, sind aber bei vielen Dingen „nicht im Bild“. Dadurch kann die Mutter selbst dann nicht wirklich abschalten, wenn sie regelmäßig einmal außer Haus ist. Denn entweder kommt sehr wahrscheinlich ein Anruf mit einer Frage, oder sie muss vorher eine Liste mit den wichtigsten Aufgaben schreiben. So entsteht das Gefühl, dass zu Hause ohne sie nichts richtig läuft und dass sie nicht mit gutem Gefühl loslassen kann.

Ein typisches Beispiel: Die Mutter plant ein Treffen mit Freundinnen und kann erst losgehen, nachdem sie für die Familie das Abendessen vorbereitet hat, gezeigt hat, was es gibt und wo alles zu finden ist, und erklärt hat, wie lange die Kinder spätestens wach bleiben sollen. Während sie eigentlich im Gespräch entspannen möchte, denkt sie trotzdem daran, ob die Kinder wohl rechtzeitig ins Bett gekommen sind und wie es zu Hause gerade läuft. Das passiert häufig, weil sie das Gefühl hat, dass der Erziehungsalltag beim Partner nicht wirklich verankert ist.
Das ist oft tatsächlich so. Bevor man jedoch Väter vorschnell beschuldigt, sollte man akzeptieren: Sie sind oft weniger Zeit mit den Kindern zusammen als Mütter, und in vielen Dingen fehlt ihnen schlicht die Routine.
Vor allem Mütter sind betroffen
Natürlich erleben das vor allem die Mütter, weil sie in den meisten Familien den Großteil der Betreuung übernehmen. Sie sind den ganzen Tag mit voller Aufmerksamkeit bei den Kindern und verfügen oft über diese intuitiven Fähigkeiten, durch die sie in vielen Situationen schnell wissen, was zu tun ist. In Familien, in denen der Vater die Kinder überwiegend betreut, erlebt er vermutlich sehr ähnliche Muster.
Wie kann dieses Phänomen entstehen?
Ob man zur „Standard-Mutter“ wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Wenn der Partner aufmerksam ist, gern unterstützt und selbstverständlich Aufgaben übernimmt, die oft als „Frauenarbeit“ gelten, ist das, was er dadurch gibt, kaum zu überschätzen.
Doch nicht jeder Mann sieht die Bedeutung dahinter. Häufig spielen Fehlinformationen, festgefahrene Vorstellungen und fehlende Bewusstheit eine Rolle. Eine verbreitete Ansicht ist, dass die Mutter zu Hause „dafür da ist“, das Kind zu betreuen, während der Vater arbeitet. Manche müssen sich sogar den ausgesprochenen Gedanken anhören: „Du bist doch zu Hause, du hast nichts zu tun.“
Auch die Situation von Alleinerziehenden muss erwähnt werden. Sie können oft nicht einmal auf so viel Unterstützung hoffen wie Menschen in einer Partnerschaft. Manche leben mit weniger innerer Spannung, weil niemand da ist, von dem sie Hilfe erwarten und dann enttäuscht werden. Trotzdem bleibt es eine große Last, das tragende Fundament der Familie allein zu sein.
Und warum rennen Kinder bei Problemen so oft zur Mutter? Selbst wenn die Mutter gerade nicht zu Hause ist, der Vater aber schon?
Aus Gewohnheit, weil sie von klein auf den ganzen Tag mit der Mutter zusammen sind. Es kann auch sein, dass die Mutter in der Familie als die entschiedenere Problemlöserin wahrgenommen wird. Das spüren Kinder sehr genau.
Warum Selbstfürsorge so wichtig ist
Die eigenen Grundbedürfnisse ernst zu nehmen ist weder Luxus noch Egoismus. Wenn wir daran denken, dass jeder Mensch Zeiten braucht, um sich auf die eigene Weise zu entspannen und zu regenerieren, wird klar: Gerade Mütter brauchen diese Momente besonders.
Nicht nur der Mangel an Erholung ist mental und körperlich belastend. Auch das ständige „in Bereitschaft sein“, aus dem man ohne Hilfe kaum einmal aussteigen kann, zehrt enorm. Dabei kann es sehr stärkend sein, Verantwortung abzugeben und den Druck zwischendurch loszulassen.
Wenn Belastung lange anhält und man sich wie in einem 24-Stunden-Dienst fühlt, können diese dauernde Verantwortung und die Unberechenbarkeit viel Energie, Lebensfreude und Kraft nehmen. Eine Mutter, die erlebt, dass der Partner sie allein lässt und nicht ausreichend unterstützt, kann psychisch stark darunter leiden. Sie wird vielleicht reizbarer oder fühlt sich niedergeschlagen. So oder so wirkt sich die Situation auf die Beziehung aus.
Körper und Seele „melden“ sich regelmäßig und brauchen Raum, um Stress loszulassen. Dafür reichen manchmal kleine Dinge: Eine Mutter kann mental abschalten, indem sie ihr Lieblingsbuch liest oder Musik hört. Wenn sie Bewegung braucht, kann sie ein Online-Video einschalten und zu Hause trainieren.
Gerade in anspruchsvollen Lebensphasen ist es wichtig, dass Mütter die eigenen Bedürfnisse respektieren. Sonst stellen sie sich schnell ganz ans Ende der Liste und gönnen sich Erholung erst, wenn wirklich nichts mehr zu tun ist. Und seien wir ehrlich: Mit kleinen Kindern kommt dieser Moment nur selten.
Wenn eine Mutter sich erholen kann, kommt sie gestärkt zurück
Regelmäßige kleine Auszeiten wirken nicht nur positiv auf die Mutter, sondern auf die ganze Familie. Um eine ausgeruhte, fröhliche Mutter sammeln sich die Familienmitglieder wie von selbst, es ist einfach schön, mit ihr zusammen zu sein.

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie das Haus verlassen und die Kinder Ihnen fehlen?
Das ist etwas Gutes, denn wenn Sie erholt zurückkommen, freuen Sie sich umso mehr, wieder bei ihnen zu sein, mit neuer Energie.
Wie können Sie etwas verändern, für Ihre eigene Gesundheit?
Haben Sie keine Angst, darüber zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Wie kann man anfangen?
Wahrnehmen, was Ihnen nicht guttut
Wir leben in einer hektischen Welt, und Kindererziehung nimmt uns oft so sehr ein, dass kaum Raum für die eigenen Gedanken bleibt. Deshalb passiert es, dass man erst dann innehält, wenn körperliche oder psychische Symptome auftreten und man sich fragt, was überhaupt zur Belastung geführt hat.
Es ist gut zu wissen, dass seelische Überlastung mit der Zeit ganz reale körperliche Beschwerden auslösen kann. Man denke an psychosomatische Symptome, also Beschwerden, bei denen keine organische Ursache gefunden wird und bei denen Psychotherapie helfen kann.
Aktivieren Sie Ihr Selbstwertgefühl
Selbstwertgefühl bedeutet eine innere Achtung sich selbst gegenüber. Es hilft unter anderem, Grenzen zu setzen und auch einmal Nein zu sagen. In der Mutterschaft ist das besonders schwer. Denn man muss nicht Fremden Grenzen setzen, sondern der eigenen Familie.
Die fürsorgliche Liebe von Müttern geht oft damit einher, dass sie die eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Viele empfinden das als völlig normal. Trotzdem lohnt es sich, eine Grenze zu definieren, die regelmäßige Erholung ermöglicht, ohne dass die Familie darunter leidet.
Nachdenken und planen
Überlegen Sie ehrlich, was Sie wirklich brauchen, wie oft und wie sich das umsetzen ließe. Planung ist sehr wichtig. Wenn man nicht sofort aus dem Gefühl heraus handelt, ist die Chance auf Zusammenarbeit meist deutlich größer.
Versuchen Sie, einige Lasten schrittweise abzugeben. Es ist nicht sinnvoll, sofort große Veränderungen zu verlangen. Das wäre schwer umzusetzen und würde Spannungen in der Beziehung erzeugen. Langfristig ist es klüger, Schritt für Schritt vorzugehen. Im Kern geht es um zwei Dinge: mehr Unterstützung zu bekommen und regelmäßig abschalten zu können.
Setzen Sie Ihre Wünsche um
Sprechen Sie offen darüber, bitten Sie ruhig, konkret und klar. Mit einem unterstützenden Partner wird vieles leichter. Wichtig sind ein freundlicher Ton und Gespräche in einer ruhigen Situation.
Vorwürfe können die Bereitschaft zur Zusammenarbeit stark verringern. Mit einer emotional ehrlichen, liebevollen Kommunikation können Sie dagegen Ihre echten Gefühle mitteilen. Eine motivierende Lösung kann auch sein, wenn der Vater die Chance bekommt, über längere Zeit selbst zu erleben, wie es ist, mit den Kindern allein zu sein.
Positive Rückmeldung

Vergessen Sie nicht, Ihrem Partner für seine Hilfe zu danken. Auch wenn man denkt, Unterstützung sollte selbstverständlich sein, tut Anerkennung gut und stärkt den anderen. Danach können Sie auch sagen, wie sehr sich Ihr Alltag dadurch verändert hat, wahrscheinlich wird er selbst sehen, dass es Ihnen besser geht.
Unterstützung durch Fachleute
Wenn es alleine gar nicht funktioniert, kann eine Fachperson helfen, zum Beispiel eine Psychologin, ein psychologischer Berater, eine Fachkraft für mentale Gesundheit oder ein Coach, der speziell mit Müttern arbeitet.
Verfasst von Mónika Veres
Quellen:
BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) – Monitor Familienforschung
Statistisches Bundesamt (Destatis) – Zeitverwendungserhebung 2022: Ergebnisse