Wie geben wir unsere Kindheitstraumata nicht weiter?
Wenn Sie sich für Selbsterkenntnis interessieren, haben Sie sicher schon gehört: Wir „erben“ nicht nur körperliche Merkmale oder bestimmte Krankheiten, sondern oft auch seelische Prägungen und Erlebnisse. So überraschend es klingt, unsere eigenen Traumata, negativen Gefühle und Schmerzen können sich auf unsere Kinder übertragen, so wie sie sich zuvor bei uns eingeprägt haben.
Die transgenerationale Weitergabe rückt erst seit einigen Jahren stärker in den Forschungsfokus, doch Fachleute in der Psychotherapie beschrieben das Phänomen schon früher. Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um solche Traumata, anschließend darum, wie wir unsere Kinder vor den „Abdrücken“ unserer Erfahrungen schützen können. Wichtig ist: Die Reaktion auf Trauma ist eine natürliche, auf Überleben ausgerichtete Körper-Geist-Antwort.
Trauma entsteht aus unseren tiefsten seelischen Verletzungen. Es prägt – oft unsichtbar, unser Leben, unsere Gefühle und unsere Sicht auf die Welt. Un Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen, aber wir können mit den Verhaltens-, neurobiologischen und immunologischen Folgen arbeiten.
Transgenerationale Traumata werden über Generationen weitergegeben
Unter transgenerationalem Trauma versteht man seelische Lasten, die unbewusst über mehrere Generationen weitergegeben werden können. Schmerzen und Verluste, die Eltern oder Großeltern erlebten, beeinflussen Erziehungsmuster und unsere Beziehung zu den eigenen Kindern. Diese Prägungen sind „kodiert“ und können durch bestimmte Auslöser sichtbar werden. Unser Wunsch liegt daher nahe: die Kette unterbrechen, damit unsere Kinder emotional gesünder leben.
Wie gehen wir gewöhnlich mit unseren Traumata um?

Nicht selten mit Schweigen oder Verdrängen. Leugnung ist eine verständliche, frühe Schutzreaktion – sie verschafft Zeit, bis wir uns dem Schmerz stellen können. Doch wenn wir Erlebnisse „begraben“, holen uns ihre Schatten später oft wieder ein, sobald etwas die Erinnerung triggert.
Früher boten Gemeinschaft und Austausch mehr Raum zum Darüber-Sprechen. Heute leben Familien häufig isolierter, mit weniger Kommunikation. Das erschwert es, eine Therapiegruppe zu suchen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Hilfe zu suchen fällt oft schwer
Trauma „wegzuschieben“ scheint kurzfristig leichter, als sich seinem schmerzhaften Inhalt zu stellen. Doch damit tragen wir die Last weiter. Aufarbeitung löscht Erlebtes nicht, aber sie schafft Verständnis und einen anderen inneren Platz. So können wir ruhiger weiterleben – ohne die Last an unsere Kinder weiterzugeben. Fachliche Begleitung ist der Weg zur Entlastung – herausfordernd, aber oft befreiend.
Was kann traumatisieren?
Zwischen Angst, Sucht und chronischen Erkrankungen gibt es Zusammenhänge. Traumata können entstehen durch Verlust eines Elternteils oder Geschwisters, Gewalt, lebensbedrohliche Erfahrungen (etwa in Kriegs-/Verfolgungssituationen), Unfälle, finanzielle Einbrüche, Ohnmacht oder lang anhaltende Vernachlässigung (emotional wie körperlich). Trauma kann einmalig auftreten oder sich über Zeit summieren. Bestimmte Gruppen sind durch ihre Geschichte vulnerabler (z. B. Erfahrungen von Rassismus, Armut, Ausbeutung).
Kennzeichnende seelische Faktoren:
-
Ereignis übersteigt das Bewältigungsvermögen, geht mit starkem Leid einher oder man wird Zeuge schwerer Leiden.
-
Vertrauen in die Verlässlichkeit der Welt bricht ein.
-
Gefühle von Bedrohung und Ausgeliefertsein.
-
Verlust von Kontrolle.
-
Erleben von Zerfall des Selbst- und Weltbezugs.
Was als Trauma erlebt wird, ist individuell: psychische Ausgangslage, Coping-Strategien, Selbstständigkeit, Sensibilität und Vorerfahrungen unterscheiden sich.
Woran erkennen wir, dass wir Trauma tragen?

Für transgenerationales Trauma gibt es keine einzelne Diagnose. Es kann sich in verschiedenen Symptomen äußern – oft verdeckt durch moderne „Zeitprobleme“ und gelernte Muster:
-
Schockreaktionen
-
Angst, innere Unruhe, Herzklopfen
-
Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit
-
Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Wut
-
Soziale Rückzüge
-
Konzentrationsprobleme, Benommenheit
-
Schuld- und Schamgefühle, Selbstvorwürfe
-
Intrusionen (aufdrängende Erinnerungen)
-
Albträume, Schlafstörungen
-
Erinnerungslücken zu Teilen des Ereignisses
Weitere Hinweise können sein:
Überwachsamkeit, Misstrauen, Isolation, ausgeprägte Angst, Depression, Panikattacken, Schlaflosigkeit, übergroße Furcht vor Verletzung oder Tod.
Trauma beeinflusst auch neuro-immunologische Prozesse, was langfristig mit Depression, Angst oder kognitiven Beeinträchtigungen verknüpft sein kann. Häufig sind Wiederholungen in Familienbiografien (z. B. Gewalt), und es kann PTBS entstehen – auch zwischen Generationen.
Wie lässt sich Trauma aufarbeiten?
Ziel ist Versöhnung mit dem Erlebten. Aus Verletzungen kann Stärke werden. Trauma meint nicht nur das Ereignis, sondern vor allem unsere innere Reaktion darauf. Was bringt Heilung in Gang?
-
Suchen Sie eine Psychologin/einen Psychologen für eine passende Therapie. Bei Bedarf kann eine Fachärztin/ein Facharzt medikamentös unterstützen. Transgenerationale Themen erfordern oft mehrgleisige Ansätze: EMDR, Schematherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Familientherapie.

-
Lernen Sie, Ihr Nervensystem zu regulieren: Atem-/Meditations- und Entspannungsübungen, Rhythmus (Gehen, Tanzen), Singen, Musik, Malen. So kommen Sie wieder in Gefühlskontakt, der durch Trauma oft blockiert ist.
-
Gemeinschaft hilft: Zu sehen, dass andere Ähnliches erlebt haben, wirkt entlastend.
-
Erweitern Sie das Verständnis für die Geschichte Ihrer Familie und Ihres Landes. Biografien und Familiennarrative machen Muster sichtbar und bearbeitbar.
-
Stärken Sie Kinder früh: Spannungsabbau, Stressbewältigung, Selbstberuhigung, Selbstreflexion. Zeigen Sie, wie man Herausforderungen meistert und annehmen lernt, was sich nicht ändern lässt.
Verfasst von Mónika Veres
Quelle:
Universitätsklinikum Ulm – Projektseite Meine Kindheit – Deine Kindheit