Warum Vorlesen für die Entwicklung Ihres Kindes unverzichtbar ist
Was macht Märchen und Geschichten so besonders? Warum erzählen Menschen seit jeher Geschichten weiter, und warum ist das bis heute in vielen Kulturen lebendig geblieben? Vorlesen ist nicht nur eine angenehme Abendroutine, eine liebevolle Gewohnheit oder eine schöne gemeinsame Beschäftigung, sondern auch ein tiefes inneres Bedürfnis. Es geht dabei nicht nur um spielerische Momente, auch wenn wir alle wissen, wie viel Freude eine Geschichte sowohl dem Kind als auch dem vorlesenden Elternteil bereitet. Das Zuhören beim Vorlesen ist einer der wichtigsten Bausteine für die seelische, emotionale und geistige Entwicklung von Kindern. Eltern und pädagogische Fachkräfte beobachten immer wieder, dass regelmäßiges Vorlesen das Selbstvertrauen, die Kommunikation, den Umgang mit Konflikten und die Werteentwicklung positiv beeinflusst. Doch warum ist das so, und wie stärkt Vorlesen emotionale Intelligenz, Fantasie und Persönlichkeit?
Märchen sind ein Fundament der emotionalen Entwicklung
Märchen sind eine universelle Sprache. Sie bringen etwas in Worte, das ein kleines Kind selbst noch nicht ausdrücken kann. Dr. Kádár Annamária, Psychologin, Schulpsychologin und Autorin der Buchreihe Mesepszichológia, betont, dass Märchen Kindern emotionale Sicherheit schenken. Auch sie selbst hat schon in früher Kindheit viele Geschichten von ihrer Mutter gehört.
Die Grundlage für emotionale Sicherheit wird sehr früh gelegt. Negative Muster, die in dieser Zeit entstehen, lassen sich später nur schwer verändern, auch wenn es nicht unmöglich ist. Märchen stärken das ursprüngliche Vertrauen, also das Gefühl, dass die Welt gut ist und dass es gut ist, in ihr zu leben.
Märchen passen deshalb so gut zur besonderen Denkweise von Kindern, weil ihre Bildwelt und ihre Darstellung der Wirklichkeit genau der Welt entsprechen, die die kindliche Fantasie erschafft. Sie sind ebenso einfach und zugleich extrem. Sie vergrößern Dinge, machen scheinbar Unmögliches möglich und geben allem seinen festen Platz. Für Kinder ist das ein Gefühl von Ordnung und Sicherheit.
Märchen helfen, Ängste und Herausforderungen zu bewältigen
Wenn sich Kinder mit Märchenfiguren identifizieren, können sie eigene Ängste, Wut oder Unsicherheiten miterleben und verarbeiten. Dass am Ende das Gute über das Böse siegt, schenkt Hoffnung. Dass Hindernisse überwunden werden, stärkt das innere Gefühl: Ich kann das auch. Die Magie des Märchens und seine optimistische Sicht auf das Leben legen den Grundstein für innere Stärke, Vertrauen, Halt und Selbstbewusstsein. All das hilft Kindern später dabei, mit Herausforderungen umzugehen.
Durch Märchen erschafft das Kind innere Bilder, die sich an seinen eigenen Wünschen orientieren. Das hilft dabei, im Alltag angestaute Spannungen abzubauen und sowohl unangenehme als auch schöne Gefühle zu verarbeiten. Wenn sich diese Fähigkeit entwickelt, kann sie Ihrem Kind auch im Erwachsenenalter dabei helfen, Probleme besser zu bewältigen.
Bittet Ihr Kind immer wieder um dieselbe Geschichte?
Wenn Ihr Kind sichtbar an einer bestimmten Geschichte festhält, kann das ein Zeichen dafür sein, dass es gerade ein inneres Thema beschäftigt, für das es in genau dieser Geschichte eine symbolische Hilfe findet. Märchen sprechen seine Sprache. Durch sie spürt das Kind die eigene innere Welt. Wenn Ihr Kind also immer wieder dieselbe Geschichte hören möchte, müssen Sie es nicht von der Schönheit der Abwechslung überzeugen. Lassen Sie ihm den Raum, über die Geschichte seine Spannung und Gefühle zu verarbeiten.
Die magischen Jahre und die Schönheit des magischen Denkens
„Nach alter Vorstellung lebt ein kleines Kind bis zum siebten Lebensjahr in Gottes Hand. Gottes Hand symbolisiert die Welt, in der das Kind lebt, jenseits von Raum und Zeit, in einer ungeteilten, heiligen Zeit“, schreibt Dr. Kádár Annamária in ihrem Buch Mesepszichológia.
Das Kind im Kindergartenalter kann noch nicht sicher zwischen dem Unmöglichen und dem Möglichen unterscheiden. Seine Welt ist ein Ort voller Magie, in dem alles geschehen kann, was es sich wünscht oder ausmalt. Es glaubt, dass zwischen Dingen und Ereignissen geheimnisvolle Zusammenhänge bestehen und dass es diese beeinflussen kann. Die Regeln dazu legt es oft selbst fest, zum Beispiel wenn erst etwas Bestimmtes geschehen muss, damit der Zauber wirken kann.
Mit diesem doppelten Bewusstsein des Märchens kann das Kind die Wirklichkeit verwandeln und sie nach den eigenen Bedürfnissen in die Persönlichkeit integrieren. Anfang und Ende eines Märchens begleiten es aus der realen Welt in die Fantasie und wieder zurück, zum Beispiel mit Wendungen wie „hinter den sieben Bergen“ oder „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“.
Mit dem magischen Denken taucht auch die Fantasielüge auf, die besonders im Alter von vier Jahren stark ausgeprägt ist. Solche Aussagen sollten nicht vorschnell als Lüge bewertet werden, denn in der kindlichen Wahrnehmung vermischen sich Realität und Fantasie. Wenn ein Kind zum Beispiel etwas Verbotenes getan hat und sagt, es sei nicht gewesen, will es die Tat oft nicht bewusst leugnen, sondern wünscht sich, dass sie einfach nicht geschehen wäre.

Was vermittelt ein gutes Märchen?
Stellen Sie sich eine Welt vor, in der auch der Kleinste, Schwächste oder scheinbar Ungeschickteste seinen Weg findet, am Ende sogar siegt und den verdienten Lohn erhält. Dorthin gelangt er meist durch Klugheit, ein gutes Herz und einen ehrlichen Weg. Genau diese Botschaft hilft Kindern. Wenn sie sich mit der Hauptfigur identifizieren, können sie das Gefühl von Abhängigkeit, Kleinsein oder vermeintlicher Ungeschicklichkeit aus dem eigenen Alltag innerlich ausgleichen.
Wählen Sie Märchen mit Bedacht aus

Was macht ein gutes Märchen aus?
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Eine einfache, aber dennoch reiche Sprache
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Inhalte, die zum Alter passen, für Kindergartenkinder sind wiederkehrende, vorhersehbare Geschichten besonders geeignet
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Geschichten, die mehrfach gehört werden können, denn Kinder kehren gern immer wieder zu derselben Geschichte zurück
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Archetypen wie das Waisenkind, der Prinz, die Hexe oder das helfende Tier, klar und verständlich gezeichnet, damit Kinder sie gut erfassen können
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Ein Problem, dem auch eine Lösung gegenübersteht
Bei Märchen ist besonders wichtig, ob die Hauptfigur ihren verdienten Lohn auf einem guten und ehrlichen Weg erhält. Wird sichtbar, dass ein gerader Weg zum Ziel führt? Siegt das Gute? Kann das Kind sich daran orientieren? Die Hauptfigur muss dabei nicht vollkommen sein, entscheidend ist, dass sie insgesamt aufrichtig handelt.
Ebenso wichtig ist es, dass Kinder klar zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Was negativ ist, sollte innerhalb der Geschichte nicht als gut oder normal dargestellt werden. Das gilt auch für negative Symbole, die auf den ersten Blick niedlich wirken. Kinder sollten klar verstehen können, was gut ist und was nicht.
Märchen fördern die Entwicklung

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Der Wortschatz entwickelt sich weiter, ebenso die sprachlichen Fähigkeiten und die Kommunikation
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Aufmerksamkeit und Gedächtnis werden gestärkt, ebenso das Hörverständnis
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Die Fantasie wächst, denn das Kind „sieht“ die Geschichte auch ohne Bilder vor sich. Die Vorstellungskraft wird dabei von Gefühlen gelenkt
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Das moralische Empfinden entwickelt sich weiter, ebenso das Gerechtigkeitsgefühl und die Empathie
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Ein sicheres Wertesystem entsteht, das Liebe, Ausdauer und Respekt vermittelt
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Kreative Fantasie und Vertrauen in die Verwirklichung von Träumen werden gestärkt
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Es entstehen innige Momente, und eine enge Verbindung zur vorlesenden Person wächst
Wenn Kinder vor einen Bildschirm gesetzt werden, stoppen die äußeren Bilder sofort die innere Bildgestaltung, die beim Zuhören eigentlich entsteht. Die Fantasie kommt zum Stillstand, die Kreativität wird nicht weiter angeregt, und das Kind kann innere und äußere Bilder noch nicht klar voneinander trennen. Schnell wechselnde Bilder belasten außerdem das Nervensystem stark. Oft wird unterschätzt, dass auch eine mit Puppen illustrierte Geschichte bereits ein ähnliches äußeres Bild vorgibt.
Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, verstehen die Gefühle und Beweggründe anderer meist leichter, genau darin liegt eine wichtige Grundlage der sozialen Intelligenz.
Märchen und sichere Bindung

Vorlesen unterstützt nicht nur die Entwicklung des Kindes, sondern vertieft auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Die Zeit, in der ein Elternteil aufmerksam vorliest, ist eine Zeit von Nähe, Intimität und Bindung. Sie wird zu einem emotionalen Anker, zu dem ein Kind immer wieder zurückkehren kann, sogar noch im Erwachsenenalter.
Gerade die Gutenachtgeschichte am Abend ist besonders wertvoll. Sie beruhigt das Nervensystem, erleichtert das Einschlafen und hilft dabei, die Erlebnisse des Tages innerlich zu verarbeiten.
Wie können Sie beginnen?
Beginnen Sie schon sehr früh mit dem Vorlesen, gern bereits ab etwa sechs Monaten. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Kind nicht immer bis zum Ende aufmerksam bleibt, Wiederholung hilft beim Verstehen. Lassen Sie das Vorlesen zu einem festen Teil des Abendrituals werden, denn das schenkt Sicherheit. Erzählen Sie zwischendurch auch frei, denn Ihre eigenen Geschichten sind besonders wertvoll.

Vorlesen wirkt weit in die Zukunft Ihres Kindes hinein. Regelmäßiges Zuhören ist nicht nur eine schöne Gewohnheit, sondern ein unverzichtbares Mittel für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung. Die zeitlosen Werte klassischer Volksmärchen, die Erfahrungen von Psychologinnen und Psychologen und die Rückmeldungen vieler Familien zeigen, dass Sie damit etwas verschenken, das ein Leben lang bleibt.
Verfasst von Mónika Veres
Quellen:
Dr. Kádár Annamária, Mesepszichológia, Mesepszichológia 2. (Bücher)
kindergesundheit-info.de: Geschichten vorlesen. Warum Vorlesen und Erzählen Lust auf Sprache macht.