Wie lässt sich die Trotzphase leichter gestalten?
Etwa im Alter von 14 bis 15 Monaten beginnt bei vielen Kindern eine Phase, die sowohl für sie selbst als auch für ihre Eltern herausfordernd sein kann. Gleichzeitig handelt es sich um einen sehr wichtigen Entwicklungsschritt. Um mit den oft unerwarteten Situationen gut umgehen zu können, ist es hilfreich, diese Phase zu kennen, zu verstehen und bewusst zu begleiten. So können Sie sich mit der Zeit besser auf jene Momente einstellen, in denen Ihr Kind plötzlich Widerstand zeigt.
Als Eltern möchten wir die Beziehung zu unserem Kind schützen und stärken. Wenn die Trotzphase als natürlicher Entwicklungsschritt einsetzt, stellt das Verhalten des Kindes unsere Geduld jedoch oft auf die Probe. Diese Zeit bringt nicht nur Spannungen mit sich, sondern auch viele Fragen, Sorgen und manchmal sogar Schuldgefühle, etwa wenn wir im Nachhinein denken, wir hätten anders reagieren sollen. Nicht selten fühlen sich Eltern verunsichert und haben den Eindruck, dass das Verhalten ihres Kindes eine harmonische Eltern-Kind-Beziehung erschwert. Ständige Aufmerksamkeit, häufige Ermahnungen und scheinbar erfolglose Konsequenz können sehr ermüdend sein.
Sind wir schon mitten in der Trotzphase? Ist es normal, dass mein Kind ständig widerspricht? Woran erkenne ich, ob etwas noch altersgerecht ist oder ob ein Problem vorliegt? Wie kann ich meinem Kind helfen und wie kann ich mich selbst entlasten?
Diese Unsicherheit ist ganz natürlich. Wenn wir jedoch die Bedeutung und Aufgabe der Trotzphase verstehen, können wir ihr mit deutlich mehr Gelassenheit begegnen. Wichtig ist zu wissen, dass jedes Kind diese Phase anders erlebt. Intensität und Dauer unterscheiden sich ebenso wie die Art, wie Eltern mit dem Widerstand umgehen. Jede Familie entwickelt ihre eigene Strategie.
Was passiert im Inneren des Kindes?
Wenn ein Kind in die Trotzphase eintritt, bereitet es sich auf einen großen Entwicklungssprung vor. Es bewegt sich vom Babyalter ins Kleinkindalter. Das bringt tiefgreifende Veränderungen in der sozialen, emotionalen und sprachlichen Entwicklung mit sich. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Sie Ihr Kind in dieser Zeit verlässlich begleiten.

Oft beginnt diese Phase mit Wutausbrüchen, die Sie so bisher nicht kannten. Das zuvor fröhliche Kind reagiert plötzlich impulsiv, wirft sich auf den Boden, schlägt um sich oder weint heftig. Viele Sätze beginnen mit einem entschiedenen „Nein“. Ob auf der Straße oder im Geschäft, Ihr Kind hört scheinbar auf nichts mehr.
Sobald Kinder anfangen zu laufen, entdecken sie, dass sie Einfluss auf ihre Umgebung nehmen können. Sie äußern ihre Bedürfnisse immer bewusster, können aber noch nicht unterscheiden, was realistisch möglich ist und was nicht. Der Unterschied zwischen Wunsch und tatsächlicher Fähigkeit ist noch unklar. Deshalb entstehen Frust und Wut oft auch in Situationen, die zuvor problemlos waren. Ihr Kind möchte Dinge tun, für die es noch nicht bereit ist, und erlebt dabei Enttäuschung.
Gleichzeitig entwickelt sich das Kind körperlich und geistig sehr schnell, was auch anstrengend sein kann. Die sprachlichen Möglichkeiten reichen noch nicht aus, um alle Gefühle auszudrücken, was zusätzliche Frustration verursacht. Zudem erweitert sich der soziale Kreis, nicht mehr nur die Mutter, sondern auch andere Menschen werden wichtig.
Fragen, die Eltern beschäftigen
Was sollte verboten sein, was darf erlaubt werden?
Wo liegen klare Grenzen?
Wie bleibe ich konsequent?
Was möchte mein Kind gerade lernen und erleben?

Jede Familie entscheidet selbst, wie sie diese Fragen beantwortet. Zwei grundlegende Ansätze können jedoch helfen.
Zeigen Sie Ihrem Kind klar, was gefährlich ist und was nicht. Das ist nicht immer einfach, denn Ihr Kind befindet sich mitten in der Entdeckungsphase und hört zum ersten Mal häufiger ein „Das darfst du nicht“. Wenn Sie unterscheiden zwischen wirklich Gefährlichem wie Steckdosen oder Reinigungsmitteln, Unangenehmem wie ausgeräumten Schubladen und Dingen, die unter Aufsicht erlaubt sind, fällt es Ihnen leichter, Situationen zu steuern.
Hat Ihr Kind scheinbar nicht verstanden, obwohl Sie es mehrfach erklärt haben? Oft liegt es daran, dass die Bedeutung noch nicht erfassbar ist. Gefährliche Dinge sollten klarer und deutlicher benannt werden als solche, bei denen lediglich Vorsicht geboten ist. So kann Ihr Kind lernen, diese Unterschiede wahrzunehmen.
Normative Krisen gehören zum Leben
Jeder Mensch durchläuft verschiedene Entwicklungsphasen. Diese Übergänge sind mit Veränderungen verbunden und beinhalten sogenannte Übergangszeiten. Denken Sie zum Beispiel an den Schritt von der Kindheit ins junge Erwachsenenalter. Normative Krisen sind natürliche Meilensteine im Leben.
Wie können Sie die Trotzphase erleichtern?
Mit einigen bewussten Anpassungen lässt sich die Frustration Ihres Kindes deutlich reduzieren.
- Gestalten Sie die Umgebung sicher. Alles, was tabu ist, sollte möglichst außer Sichtweite sein. Geben Sie Ihrem Kind Raum zum Entdecken. Wenn nötig, helfen Sie, heben Sie es hoch, damit es sehen oder berühren kann, was es interessiert.

- Kleine Aufgaben geben Ihrem Kind das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Es kann beim Aufräumen helfen, abwischen oder kehren. So ist es beschäftigt und Sie können Ihre Tätigkeiten ruhiger erledigen.
- Vermeiden Sie zu viele Reize, anstrengende Programme und dauerhafte Hintergrundmedien. Diese können das Nervensystem zusätzlich belasten. Achten Sie weiterhin auf feste Tagesabläufe, denn Vorhersehbarkeit gibt Sicherheit.
- Da Kinder sich in diesem Alter sprachlich noch schwer ausdrücken können, obwohl sie innerlich schon viel erleben, sind alternative Ausdrucksformen wichtig. Bewegung, Turnen, kreatives Spielen wie Sandkasten, Kneten oder Malen, Schaukeln, Singen und Rollenspiele unterstützen die emotionale Verarbeitung.
- Eine abwechslungsreiche und sichere Umgebung lädt zum freien Erkunden ein. Gemeinsame Spielzeiten und bewusst verbrachte Stunden stärken die Beziehung zusätzlich.
Zu viel Nachgiebigkeit kann verunsichern
Erklärungen, die für Erwachsene logisch sind, sind für kleine Kinder oft nicht verständlich. Werden Grenzen nicht klar gesetzt, kann das Unsicherheit und innere Anspannung auslösen. Diese zeigt sich nicht selten in Aggression oder Wut. Hinter dem Verhalten steht häufig die Angst zu scheitern oder nicht zu verstehen, was erwartet wird.
Ist etwas verboten, hilft eine klare und einfache Botschaft mehr als lange Erklärungen. Ein ruhiges, bestimmtes „Nein, das geht nicht“ ist in diesem Alter oft wirksamer.
Entscheidend ist dabei Ihre innere Haltung. Kinder spüren, ob Sie überzeugt sind. Klare Signale geben Orientierung und Sicherheit.
Was kann Trotzreaktionen auslösen?

- Müdigkeit
- Hunger oder Durst
- Langeweile
- Unerwartete Situationen
- Beginnende Krankheit oder Schmerzen
- Zu viele oder zu wenige Regeln
- Überhöhte Erwartungen an das Kind
Wann sollten Sie Hilfe suchen?
Wenn das Verhalten Ihres Kindes deutlich über das altersübliche Maß hinausgeht oder Sie das Gefühl haben, dass sich etwas nicht gesund entwickelt, scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Allgemeine Tipps oder Videos sind nicht immer verlässlich. Kinderpsychologen, Familientherapeuten oder entsprechende Beratungsstellen können gezielt helfen.
Die Trotzphase wird leichter, wenn wir sie aus einer anderen Perspektive betrachten. Sehen Sie sie nicht als notwendiges Übel, sondern als natürlichen Entwicklungsschritt mit Sinn und Ziel. So wie wir uns über andere Entwicklungssprünge freuen, lohnt es sich auch hier, verständnisvoll zu bleiben. Denn für Ihr Kind ist diese Zeit ebenfalls nicht einfach.
Verfasst von Mónika Veres
Quellen:
kindergesundheit-info.de (BZgA) – „Kindliche Trotzphase
elternsein.info (BZgA) – „Autonomiephase: Mit Wutausbrüchen umgehen“